Nachtrag zum Frei sich bilden

Begeisterung leben

Nach meinem letzten Artikel „Frei sich bilden – mehr als nur eine Alternative“… haben wir eine sehr berührende Nachricht von Nicole erhalten – wenn auch schon einige Zeit her, ist es mir wichtig, einige Gedanken darauf als  Antwort zu geben.

Nicole:

Sehr schöner Artikel. Du sprichst mir aus dem Herzen.
Leider hapert es bei uns aber an der Umsetzung.
Mein Sohn ist mittlerweile 12 Jahre alt und ich finde es immer unerträglicher ihm dabei zuzuschauen, wie er in der Schule leidet. Er hat viele, viele Fehltage und klagt über Übelkeit, Bauch- und Kopfschmerzen.
In den Ferien dann, blüht er regelrecht auf und es geht ihm viel besser. Auch unsere Beziehung leidet sehr unter der Schulsituation und wir streiten uns oft. Ich sehe wie uns in diese Situation gefangen hält und wir da irgendwie nicht herauskommen. Ich wünschte, ich hätte schon viel früher vom „frei sich bilden“ und „Freilernen“ erfahren, dann hätte ich von Anfang an vieles anders gemacht. Leider habe ich erst angefangen mich damit zu beschäftigen, als es meinem Sohn immer schlechter ging. Vorher kam ich gar nicht auf die Idee, dass es da noch andere Möglichkeiten gibt.
Ich bin, wie wahrscheinlich die meisten Menschen in Deutschland, mit dem Gedanken aufgewachsen, dass ein Kind in die Schule gehen MUSS und dann bitte auch noch eine große Dankbarkeit dem System gegenüber zeigen muss, dass er dieses Privileg empfangen darf. Selbst mein Sohn kann sich nicht vorstellen, dass es einen freien Weg gibt. Als ich ihm einmal sagte, dass ich am liebsten mit ihm auf und davon reisen und die Welt zu unserem zu Hause machen würde, sagte er nur, dass das doch nicht ginge, denn er müsste ja schließlich zur Schule gehen…

 

Meine Antwort:

Ich fühle mit dir, wenn du von deinem Sohn erzählst, der offensichtlich unter dem Schulbesuch leidet, was wiederum eure Beziehung zueinander beeinflusst…  Auch meine Frau und ich sind mit dem Gedanken aufgewachsen, dass ein Schulbesuch so normal und unabwendbar ist, wie der Tod – gehört halt zum Leben dazu… aber wie befreiend war es für uns von der Möglichkeit des Frei sich bildens zu erfahren und schön langsam in diese neue Haltung hineinzuwachsen (und wir stehen erst am Anfang).

In den folgenden Zeilen kann und werde ich dir bestimmt nichts zu eurer Situation raten, nein, ich werde nur weiter von unserem Weg berichten, von unseren Gedanken dazu und von meiner Sicht der Schule. Ob was Inspirierendes für dich dabei ist, musst du selber fühlen und entscheiden.

 

„Der übliche Weg“

Wir sind eine Patchwork Familie und unsere großen Kinder (15 und 17) gingen den „üblichen Weg“ (Kindergarten, Volksschule, Hauptschule und jetzt Höhere Schule). Auch wenn sie sich halbwegs gut ins „Schulsystem“ integrieren konnten und können… sind wir rückblickend auch wehmütig, nicht auch schon bei ihnen den Weg des Frei sich Bildens angestrebt zu haben… aber damals hatten wir alle noch andere Gedanken / Wünsche / Ziele und der Schulbesuch wurde „gottgegeben hingenommen“… ja, später ist man immer gescheiter – aber genau darum geht’s doch, sich zu entwickeln und auch aus Vergangenem zu lernen.

 

Schule und Bildung – ein Widerspruch?

Wer sich mit lernpsychologischen Themen auseinandersetzt, mit Ergebnissen der Bindungs- und der Hirnforschung, wird wahrscheinlich zu keinem anderen Schluss kommen können, als dem, dass Schule nicht nur mit Bildung wenig zu tun hat, sondern viel schlimmer noch, es dem Menschen erschwert bis verunmöglicht, sich zu bilden.

Wie es Franziska Klinkigt in ihrem Buch „Wer sein Kind liebt“ beschreibt, erleben sich Kinder in der Schule oftmals in einer Notsituation, fühlen sich bedroht von Gefahren für ihren Selbstwert, ihre Würde, ihre Integrität und Freiheit, für ihr Selbstvertrauen, ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit, für ihre Selbstbestimmung und ihr Potenzial zur Selbstentfaltung. Deswegen gäbe es auch so viel Mobbing in den Schulen – Mobbing sei ein Symptom, ein Hinweis darauf, dass das System innerhalb dessen es aufritt, gestört ist.

Kinder, die sowohl zum Objekt verhaltenssteuernder Maßnahmen gemacht werden, als auch jene, welche diese Maßnahme ausführen sollen, wären lt. Franziska Klinkigt für Stress – Erleben geradezu prädestiniert: Schulstress – die einzig mögliche Reaktion auf einen menschenfeindlichen und widersinnigen Kontext!

Weiters schreibt sie (und ich kann dies nur aus meiner Praxis in der Arbeit mit Jugendlichen am Ende ihrer Pflichtschulzeit bestätigen), ob es jemanden wundern kann, dass Lehrer über Motivations- und Verhaltensprobleme ihrer Schüler sowie über emotionale Beanspruchung und ungewollte Gereiztheit klagen? Wen wundere es, dass Schüler unter Konzentrationsschwierigkeiten, Antriebslosigkeit und Leistungsdruck leiden?

 

Aber wer sage ihnen die Wahrheit?

 

Statt sich aber die tieferen Gründe ihrer Nöte anzuschauen, würde gerne dem Einzelnen die Schuld gegeben (bis hin zur Pathologisierung). Als Mahnung und zum Wachrütteln führt Klinkigt an, dass wenn  uns die Interessen und Bedürfnisse der Menschen am Herzen lägen, wir uns ernsthaft fragen müssten, ob die angeblich naturgegebene und unvermeidliche Schule wirklich ein Muss ist und nicht der Profitgier diene: etwa der Pharmaindustrie mit ihrem tonnenweisen Medikamentenabsatz (allen voran Ritalin, Concierta…), um junge Menschen „funktionsfähig“ zu machen; etwa denen, die an Nachhilfe, Förder- und Therapiemaßnahmen oder an Schulbüchern und -materialien verdienen; etwa dem Arbeitsmarkt?… welch irrsinnige Dynamik offenbart sich hier?
Jene Mütter, die dem wachsenden Leistungsdruck ihrer Töchter und Söhne zu begegnen versuchen, klagen über die Rolle als Hilfslehrer, aufgrund der sie nur noch Teilzeit arbeiten können, was wiederum Grund für den Ausbau von Ganztagsschulen  liefert… (Fortsetzung im Buch „Wer sein Kind liebt“ von Franziska Klinkigt!)

 

Levin

 

Oft reden meine Frau und ich heute darüber, wie wir damals (bei den großen Kindern) nur dies und jenes zulassen haben können, oder wie wir nur so handeln konnten… fehlte uns Herz und Mut oder beides?

Nein, ich vertrete die Meinung, dass das Leben „selbstorganisiert“ ist und zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens wir eben nur so handeln können, wie eben zu diesem Zeitpunkt mit all unserem Denken / Fühlen / Wollen möglich.

Also weg mit Schuldgefühlen und nach vorne blicken. Mein Ziel ist es, mit jedem Tag ein besserer Vater für meine Kinder zu werden und ihnen Geborgenheit, bedingungslose Liebe, einen sicheren Hafen zu geben und eine Haltung „so wie du bist, bist du perfekt und du musst dich nicht anstrengen, dass ich dich liebe“ zu leben.

So wie ich aus deinen Zeile heraushöre, hat euer Leidensdruck dich auf die Spuren des Frei sich Bildens geführt. Es kann ein Weg sein, es ist aber kein Dogma, keine Methode – sondern eine Haltung.

 

Klavier

 

Grundlage der Begleitung

Die Basis bildet VERTRAUEN  und nicht Erziehung. Bei Erziehung schwingt ein „du bist (noch) nicht ok, so wie du bist“ oder ein „du bist (noch) nicht gut genug “ mit. Andrè Stern meint, dass ein junger Mensch nie im SEIN sein kann, wenn er erst „werden muss“ (um z.B. irgendwelchen Vorstellungen der Erzieher – wie Lehrer oder Eltern – zu entsprechen).

Weiters führt Andre Stern an, dass hingegen ein „weil du so bist wie du bist, hab ich dich lieb“ das Maß aller Dinge sein sollte und durch diese veränderte Haltung (ohne Bewertung, Hierarchie und auf Augenhöhe), die in grenzenlosem Vertrauen wurzelt, auch die Versöhnung mit dem „verletzten Kind“ in uns gelingen könne.

 

Im Schneesturm

Unsere Reise

Ich weiß noch nicht, wohin uns unsere Reise des Frei sich Bildens führen wird und welche behördlichen Hürden wir dafür in Kauf nehmen müssen (in Österreich haben wir zwar keine Schulpflicht, aber das Umgehen der jährlichen Externistenprüfungen – die so ganz und gar nicht zum Frei sich bilden passen – wird noch spannend werden)  – aber momentan fühlen wir alle, dass es der richtige Weg für unsere jüngeren Söhne und uns als Eltern ist. Wir alle sind begeistert davon und wie Andrè Stern es angelehnt an Gerald Hüther zum Thema „Lernen“ sagt, kann unser Gehirn nur insofern langfristig Informationen speichern, wenn emotionale Zentren (v.a. durch Begeisterung!) aktiviert werden.

 

 

Ich wünsche dir, liebe Nicole, alles erdenklich Gute für deinen / euren Weg – wohin auch immer er euch führen wird – hoffentlich mit viel Begeisterung! – und gebe noch einen Satz von Ka Sundance mit auf den Weg – der mir für die Erreichung eines jeden Ziels, dass mir vorschwebt, sehr hilfreich ist:

„Wer will findet Wege, wer nicht will findet Gründe“

 

Alles Gute und ganz liebe Grüße aus Österreich,

 

 

Josef

 

 

P.S. Weiter Infos über unser Leben als Frei sich bildende findest du auf der neuen Webseite freilerner-wg.com

Einige Bücher über´s Frei sich bilden:

3940596272 Das große Unschooling Handbuch: Freilernen: Die ganze Welt als Klassenzimmer
3945543231 Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben
3451065525 … und ich war nie in der Schule: Geschichte eines glücklichen Kindes
371100041X alphabet: Angst oder Liebe
3596188504 Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher
3442747104 Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen
393779753X Wir sind so frei: Freilerner-Familien stellen sich vor

 

 

2 Comments

  • Bastian

    Reply Reply 2. Mai 2017

    wirklich ein sehr schöner Artikel. Ka Sundance war euch der Auslöser mit meinem Blog zu starten und meinen YouTube Kanal zu gründen. Ich wünsche euch viel Mut und Erfüllung auf eurem Weg. 😉

    • Moana

      Reply Reply 15. Mai 2017

      Ich danke dir!

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